"le salon"
Matthias Aeberli, Urs Aeschbach, Victor Bächer, Silvia Bächli, Annette Barcelo, Carlo Baratelli, Simon Beer, Ruth Berger, Ueli Berger, Simone Berger, Carlos Varela, Daniel Berset, Aldo Bonato, Peter Brunner-Brugg,   Ruth Buck, Samuel Buri, Coghuf, Agathe Coutemoine, Pascal Danz, Yan Duyvendak, Christoph Fierz, Peter Fischli / David Weiss, Sylvie Fleury, Corsin Fontana, Heinrich Gartentor, Michel Grillet, Mireille Gros, Alex Hanimann, Eric Hattan, Lori Hersberger,   Candida Höfer, Roland Hotz, Bruno Jakob, Daniela Keiser, Beat Klein, Hendrikje Kühne, Rahel Knöll, Dieter Leuenberger, Dieter Linxweiler, Claudio Magoni, Ursula Bohren Magoni, Rachel Mahler, Al Meier, Stephan Melzl, Ernst Messerli, Gianni Motti, Thomas Müllenbach, Bessie Nager, Jos Näpflin, Karim Noureldin, Olivia, Simone Oppliger, Thomas Popp, Gilles Porret, Allan Porter, Ray Mond,   Dino Rigoli, Pipilotti Rist, Christian Rothacher, Christoph Rütimann, Claude Sandoz, Ruedi Schill, Monika Günther, Laurent Schmid,   Albrecht Schnider, Markus Schwander, Kurt Sigrist,   Dieter Seibt, Alex Silber, Beat Streuli, Cédric Teisseire, Francis Traunig, Emmanuelle Villard, Francois Viscontini, Selma Weber, Cécile Wick, Laura Weidacher, Anna Wiesendanger, Alfred Wirz, Hans Witschi,   Mireille Wunderly.
Bilder von der Ausstellung Bilder von der Vernissage
Die Presse  

Sehr geehrter Herr Regierungsrat

Liebe Freundinnen und Freunde des Palazzo

Die Ableitung des Wortes "Kunst" ist nicht eindeutig. Manche behaupten, es komme von "Können" und bestreiten denn auch, dass ein Gegenstand, an dem kein spezielles technisches Können festzustellen ist, ein Kunstwerk sei. Wohl eher leitet sich das Wort "Kunst" jedoch von "Kennen" ab, vielleicht auch von "Künden". Sicher hat Kunst mit dem rätselhaften "Kennen" und mit "Kunde" mehr zu tun als mit dem rein materialistischen "Können".

Kunst umspannt alle Völker und grosse Zeiträume. Was im Verlauf der letzten 25 Jahre im Palazzo zu sehen war, bildete zwar nur einen winzigen Ausschnitt aus der unübersehbaren, gesamten Kunst, die je von Menschen gezeichnet, gemalt, gehauen, gebaut, photographiert worden ist. Aber dieser winzige Ausschnitt gewährt wie ein kleines Guckloch, wenn wir unser Auge nur nahe genug an dieses heranführen, einen Einblick in eine immense Welt. Ideen, Ideale, Utopien, Gedanken, Ahnungen, Gefühle, Obsessionen, Träume waren hier im Palazzo sinnlich erfassbar und eröffneten den Besucherinnen und Besuchern neue Einblicke, Erfahrungen und Erkenntnisse.

Heute wird "Kunst" oft mit "Kultur" gleichgesetzt oder gar verwechselt. "Kultur" ist die Gesamtheit der Lebensformen eines Volkes, einer Gesellschaftsschicht, einer Gemeinschaft. Zur Kultur der Gegenwart gehören das Auto, Fast Food und das Fernsehen ebenso wie der Kunstbetrieb und die zeitgenössische Kunst. Kunst an sich jedoch ist etwas ganz anderes als eine Lebensform. Sie ist eine Methode, sich den Weltgeheimnissen zu nähern und fordert auf, über das Leben und seine Formen nachzudenken, sie allenfalls zu verändern oder zu neuen Ufern aufzubrechen.

Der Palazzo ist keine Kunsthalle, in der die Besucherinnen und Besucher Sitten, Essen und Trinken, Bart- und Haartracht, Mode und Geschmack der aktuellen Zeit studieren, sondern der Palazzo bildet einen Ort, an dem Menschen Werken der Kunst gegenübertreten und deren Sinn zu ergründen suchen. Die Möglichkeiten, diesen Sinn zu ergründen, sind ganz verschiedener Natur. Sie reichen von unvoreingenommener Betrachtung bis zur Hingabe an die Wirkung des Kunstwerks, vom Genuss der Schönheit bis zu den feinsten Deutungen.

Im Namen des Bundsamtes für Kultur beglückwünsche ich die Verantwortlichen des Palazzo und dabei insbesondere Herrn Niggi Messerli, die vor 25 Jahren die Chance des ehemaligen Post- und Telegraphengebäudes erkannt haben und dafür sorgten, dass sich dieses in ein lebendiges Forum für zeitgenössische Kunst verwandelte, das heute in der ganzen Schweiz und sogar über ihre Grenzen hinaus wahrgenommen wird. Der Palazzo ist im Verlauf von 25 Jahren zu einem wahren Partner für das Bundesamt für Kultur geworden.

Wie der Palazzo versucht das Bundesamt im Auftrag der Eidgenossenschaft die Bedingungen, unter denen Schweizer Künstlerinnen und Künstler arbeiten, durch vielfältige Massnahmen laufend zu verbessern. Immer wieder stellten Künstlerinnen und Künstler, die das Bundesamt für Kultur mit Preisen, Werkankäufen, Projektbeiträgen, Ateliers im Ausland und Entsendungen an wichtige internationale Kunstausstellungen ausgezeichnet hatte, hier im Palazzo ihr Schaffen vor. Viele Künstlerkarrieren sind vom Palazzo und vom Bundesamt für Kultur gemeinsam gestärkt worden. Das Bundesamt ist oft erst auf Künstlerinnen und Künstler aufmerksam geworden, als deren Schaffen im Palazzo zu sehen war. Der Palazzo hat immer wieder davon profitiert, dass er für seine Ausstellungen aus dem Kreis der vom Bundesamt ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstler auswählen konnte. Gerne erinnere ich an die zwei Ausstellungen, die das Bundesamt für Kultur gemeinsam mit dem Palazzo hier in Liestal durchführen durfte.

Geht etwa der gute Geist für die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem Bundesamt für Kultur und dem Palazzo sogar in eine Zeit zurück, in der ein Prophet, der behauptet hätte, dass das 1892 in Liestal erbaute Post- und Telegraphengebäude einst in ein Forum für zeitgenössische Kunst verwandelt würde, keine grosse Zukunft gehabt hätte? Wer weiss, vielleicht hat der Architekt Hans Wilhelm Auer die künstlerische Bestimmung seines Post- und Telegraphengebäudes in Liestal erahnt und verpasste ihm deshalb Formen und Dekor, die sich auch an der Oper in Dresden und am Burgtheater in Wien, die beide von seinem Lehrer Gottfried Semper errichtet worden sind, finden lassen. Vergessen wir nicht, dass Hans Wilhelm Auer hier am Palazzo einen Baustil entwarf und erprobte, den er wenige Jahre später beim Bau des von ihm geplanten Bundeshauses in Bern konsequent angewendet hat.

In Liestal steht somit mit dem Palazzo der ältere Bruder des Bundeshauses in Bern. Auch das Bundeshaus in Bern erinnert stark an die Theater- und Opernhausarchitektur von Gottfried Semper. Ob jedoch auch das Bundeshaus einst zu einem Kulturforum wird, wage ich nicht zu behaupten, auch wenn es bereits jetzt schon in seinem Innern Szenen zu beobachten gibt, die an Theater- oder Opernaufführungen erinnern.

Auf jeden Fall war es konsequent, wenn vor 25 Jahren Herr Bundesrat Hans Hürlimann mit der Zusprache einer namhaften Summe aus der Bundeskasse mithalf, dass aus dem Post- und Telegraphengebäude in Liestal der Palazzo entstand. Konsequent war es auch, dass der Palazzo über lange Jahre hinweg regelmässig in den Genuss eines vom Bundesamt für Kultur angewiesenen Betriebsbeitrags kam. Es bleibt zu hoffen, dass diese Tradition trotz den Turbulenzen, welche die Bundeskasse zur Zeit erlebt, recht bald wieder aufgenommen werden kann.

Ich beglückwünsche den Palazzo herzlich zu seiner 25jährigen Erfolgsgeschichte und wünsche Ihnen allen heute Abend viele gute Begegnungen mit den Künstlerinnen und Künstlern, den Kuratorinnen und Kuratoren und insbesondere auch mit Herrn Niggi Messerli, ohne deren Mitwirken der Name "Palazzo" leer und nichtssagend geblieben wäre. Ich freue mich auf die kommenden 25 Jahre Palazzo und denke, dass ich mit dieser Freude nicht allein bin!

Urs Staub

Bern, 7. Mai 2004

       

Kunsthalle Palazzo Liestal 1997-2000
unter der künstlerischen Leitung von Esther Maria Jungo

Die freie Kuratorenschaft, wie bei der Einladungskarte zu dieser Ausstellung hinter meinem Namen vermerkt, ist ein Segen, zuweilen aber auch eine Last, da jede Freiheit, wie jedermann bekannt ist, auch eine gewisse Unsicherheit mit sich bringt.

Folgerichtig hatte meine "unfreie" Zeit als Leiterin in der Kunsthalle Palazzo ordentlichere Strukturen: Es waren die Jahre 1997/98/99 und 2000, die mich im Baselbiet beinahe heimisch machten, als ich mich als Leiterin der Kunsthalle Palazzo in Liestal (zum Arbeiten) und Sissach (zum Wohnen) temporär niederliess. Mit je drei eigens kuratierten Ausstellungen pro Jahr und einer Gastkuratorenausstellung sowie mehreren Präsentationen im öffentlichen Stadtraum (sei es im Dorfbrunnen oder aber in der Vitrine in der Rosengasse) sollte einer vornehmlich jüngeren Szene eine Plattform für ihre künstlerischen Arbeiten und Interventionen gegeben werden. Die Ausstellungen wurden jeweils Ende Jahr in einer fast 100 seitigen Publikation dokumentiert. Vier Büchlein im A5-Format wurden produziert und im Schwabe Verlag aufgenommen. Zwei von ihnen wurden zu den Schönsten Schweizer Büchern gekürt. So weit zu den Fakten.

Im Nachhinein hört sich die Liste der präsentierten Künstlerinnen und Künstler ganz ordentlich an. Im Folgenden seien einige Perlen herausgepickt (dabei sei erwähnt, dass in diesem Zusammenhang nicht alle Künstlerinnen und Künstler zur Sprache kommen können und das Werk der Nicht-Erwähnten in keiner Weise weniger interessant ist als jenes der hier Herausgepickten).

Yan Duyvendak etwa beglückte uns ganz zu Beginn meines Engagements in Liestal mit der Performance "Keep it Fun for Yourself", u.a. mit seinem Song: "Die Kunst, die Kunst, es ist eine Gunst, von Göttern gegeben umsunst", ein Ohrenwurm, den man nicht nur wegen seines Wohlklangs, sondern ebenso wegen seiner inhaltlichen Stimmigkeit nie vergessen darf.

Basler Künstler haben mehrheitlich im Palazzo gastiert, nicht unbedingt, weil die Kunstmetropole vor den Toren Liestals steht, sondern vor allem, weil die junge Kunstszene von Basel auch gesamtschweizerisch etwas zu sagen hat. Rachel Mahler , die an meiner ersten Ausstellung vertreten war und sich alljährlich unseres Kataloges angenommen hat, ist im "Salon" mit einem klingenden Kleiderschrank vertreten, den sie vor gut 2 Jahren in Paris gezeigt hat. Christoph Büchel , der nun international seine "Unzumutbarkeiten" in renommierten Museen zeigen darf, hat 1999, in Zusammenarbeit mit Costa Vece , den Leiter der Kulturhauses Palazzo AG sogar dazu bewogen, durch ein Loch in der Decke der Kunsthalle dessen persönliches Mysterium, den Billardraum im 2. Geschoss der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um bei den Baslern zu bleiben, Monica Studer und Christoph van den Berg , die kurz nach ihrem Finlandaufenthalt im Palazzo eine wunderbare Einsicht in einen Birkenwald präsentierten, tummeln sich zurzeit nicht nur auf dem Londoner Kunstparkett (sie haben für ein Jahr das Landis & Gyr-Stipendium erhalten), gleichzeitig bereiten sie im Team den Schweizer Pavillon für die folgende Weltausstellung in Japan vor. Auch unterrichten nicht wenige im Palazzo gezeigten Künstlerinnen und Künstler an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, wo sie die neu sich formierenden jungen Kräfte in die Gestaltung, Mode und Kunst ein- und weiterführen, u.a. Markus Schwander , der die vernetzte Kunstwelt regelmässig zum marschieren ("marsch empfielt") aufruft.

Geblieben sind mir vor allem die Auseinandersetzungen mit dem Ort, dem Kulturhaus und seinem multikulturellen Umfeld zum einen, mit dem kleinen Hauptstädtchen Liestal zum anderen - eine Auseinandersetzung, die ich jeweils allen Kunstschaffenden wärmstens empfohlen habe. Entsprechender Empfehlung hat sich auch Salonbeteiligter Thomas Popp angenommen, wobei er in seiner Diashow von 1999 einen persönlichen Rundblick der Situation vorstellte. Eine weitere, besonders eindringliche Arbeit stammte von Ariane Epars , die sich anlässlich ihrer Winterausstellung im Palazzo 1998 dem Aspekt des Reisens zuwandte und den gesamten Grundriss der Kunsthalle mit Decken einer Umzugsfirma zudeckte. Den im Städtchen ansässigen Dorfbrunnen haben wir schliesslich mit einem wunderbaren Seeteufel von Roland Herzog bereichert. Seine Meisterleistung in Bronze wurde jedoch allzu schnell von Unbekannten als objet du désir entdeckt, sodass wir ihn in der nahe gelegenen Vitrine in Sicherheit bringen mussten. Schlussendlich wussten wir, dass man Vorurteilen in einem multikulturellen Umfeld nur durch klare Strategien beikommen konnte: durch das Plakat "Für Blauäugige gratis" von Jean-Damien Fleury erliessen wir den Blauäugigen jeweils den Eintritt in die Ausstellung, währenddessen Gianni Motti sein ganzes Umfeld selbstherrlich zu seinen Assistenten erkoren hat und dieses in wunderbaren Photographien dokumentierte. Dass schlussendlich das Künstlerdasein ein elendes Auf und Ab in einem erfolgreichen Leben bedeutet, darauf wiesen u.a. das Künstlerpaar stöckerselig hin, indem sie den kurze Zeit später verstorbenen stadtbekannten Urs Marti als regulärer Ausrufer für ihre "good - bad news" engagierten.

Die Kunsthalle Palazzo hat ihren Weg weitergeführt. Verschiedenste Kuratorinnen und Kuratoren stellen regelmässig ihre Visionen einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt vor. Die grösste Freiheit ist dabei die Möglichkeit für Kuratorinnen und Kuratoren aber auch für Künstlerinnen und Künstler, im Umfeld der Kunsthalle für eine bestimmte Zeit ein Experimentierfeld für künstlerische Strategien zu eröffnen.

 
Druckversion der Reden von Dr. Urs Staub, Chef Sektion Kunst und Design Bundesamt für Kultur Bern
und Esther Maria Jungo, freie Kuratorin Fribourg.
 

 


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